Nachruf für Gerd Puls von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak

Am 14. März 2013 fand in der Aula des Hauses der Musik ein Gedenkkonzert für den langjährigen GMD des Volkstheaters und der Norddeutschen Philharmonie Rostock Gerd Puls statt, der am 12. Februar 2013 verstarb.
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak würdigte Gerd Puls und seine musikalische Tätigkeit in der Stadt Rostock in einer sehr eindrücklichen Gedenkrede. Dankenswerterweise stellte er uns diese Rede zur Veröffentlichung auf der Philharmonischen Seite zur Verfügung:

„Meine Damen und Herren, liebe Musik- und Konzertfreunde, verehrte Angehörige von Gerd Puls.

Wir treffen uns hier zu diesem Gedenkkonzert nicht nur, um den Tod eines wichtigen Menschen zu betrauern. Wir treffen uns, um Erinnerungsarbeit zu leisten, um uns zu vergegenwärtigen, welche Spuren das Leben von Gerd Puls gesetzt hat, damit diese nicht der allzu schnellen Vergesslichkeit anheimfallen. Dies tun wir auch nicht nur, um ein formales ehrendes Angedenken zu bewahren, sondern weil wir uns damit auch unserer eigenen Vergangenheit versichern können, unserem eigenen Gewordensein. Denn viele von uns, wenn ich so in das Publikum blicke, sind mehr oder weniger beeinflusst worden durch das Leben und Wirken von Gerd Puls. Ja, mancher wäre vielleicht ein anderer als er heute ist, wenn er nicht in Kontakt mit Gerd Puls gekommen wäre. Ich selbst, wenn ich das sagen darf, verdanke ihm wesentliche Teile meiner hörend erworbenen musikalischen Bildung – es gibt keinen Dirigenten, über den ich häufiger geschrieben habe. Und vielen Rostocker Musikfreunden wird es auf andere Weise ähnlich gehen.

Also, erinnern wir uns:

Im August 1991 schied Gerd Puls aus dem Amt des Generalmusikdirektors der Norddeutschen Philharmonie und ging in den Ruhestand. Übrigens auf ordnungsgemäße Weise, was in den damaligen Zeiten des turbulenten Auswechselns der Eliten, keineswegs selbstverständlich und ein Indiz des persönlichen Respekts war, den er sich auch unter DDR-Bedingungen erworben hatte. Er war damals der dienstälteste GMD in Deutschland. 34 Jahre, seit 1957, hatte er dem Rostocker Orchester als Chefdirigent vorgestanden, solange wie keiner vor ihm und wohl auch keiner mehr nach ihm.

34 Jahre, meine Damen und Herren, eine imponierende und fast magische Zahl, zeugend von einer unbeirrbar durchgehaltenen Kontinuität und auch – jedenfalls in den Zeiten heutiger Flexibilität – ein wenig erschreckend. Persönliche Biografie und Rostocker Musikgeschichte verbinden sich so zu einem unauflösbaren Strang. Für Gerd Puls als Musiker war das Rostocker Orchester sein Leben, hier und nur hier tat er, was getan werden konnte und musste – als Künstler und als Organisator – und für das Rostocker Orchester war der Dirigent Gerd Puls ein wesentlicher Teil seiner damals fast 100-jährigen Geschichte, jener Teil, in dem dieses Orchester zu einem leistungsfähigen und akzentsetzenden Klangkörper wurde, zwar in der Provinz beheimatet, aber dennoch nicht provinziell.

34 Jahre: Sie sind das Produkt des charakteristischen und widersprüchlichen Zusammenfalls von DDR-typischen kulturellen Bedingungen und einer individuellen Disposition – eine Wechselwirkung, die vielleicht zum Leitmotiv des künstlerischen Wirkens von Gerd Puls geworden sind. Sie sind einerseits Ausdruck der für die DDR typischen Immobilität, wonach – überspitzt gesagt – die erste Stelle nach der Ausbildung zugleich jene war, an der man seine Rente empfangen würde. Andererseits Ausdruck eines individuellen Habitus. Denn Gerd Puls war durch und durch Rostocker. Zwar 1927 in Neukloster geboren, aber schon aufgewachsen in Rostock, hier erhielt er seine musikalische Ausbildung. An der damals in Rostock neugegründeten Staatlichen Hochschule für die Musik, die dann aber bald aufgelöst wurde, die nebenbei gesagt als die Vorgängereinrichtung des Rostocker Konservatoriums gelten kann, das uns beziehungsvoll den Raum für dieses Gedenkkonzert zur Verfügung stellte – an dieser Hochschule also studierte Gerd Puls von 1946 bis 1949 bei kompetenten Lehrern: Klavier bei dem hochgeschätzten Pädagogen Carl Adolph Martienssen, Komposition beim damaligen Rektor, dem bedeutungsvollen Komponisten Rudolf Wagner-Régeny, von dem er später einige Opern, darunter die Uraufführung der „Persischen Späße“ dirigieren wird, und schließlich Dirigieren bei Gerhard Pflüger, der damals Musikalischer Oberleiter des Stadttheaters war und später GMD in Leipzig und Weimar wurde. Hier erwarb Puls das Rüstzeug für seine musikalische Laufbahn, die mit Engagements am Rostocker Stadttheater begann. 1952 ging er dann auf die obligatorische Kapellmeister-Tour nach Altenburg und Gera, kehrte aber schon nach vier Jahren zurück – und wurde 1957, in einer musikalischen Krisen- und personellen Aufbruchssituation des Orchesters, zum musikalischen Oberleiter des Rostocker Theaters berufen, was er bis zum Ende seines Berufslebens blieb. Ein Rostocker Musiker also, von beharrlicher, gut mecklenburgischer Bodenständigkeit, und er ist inzwischen zum Denkmal des Rostocker Musiklebens aus den schwierigen Zeiten der DDR geworden: vielleicht der einzige prägende Musiker Rostocks, den die Stadt selbst hervorgebracht hat.

34 Jahre – das war die Chance, ein persönliches künstlerisches Konzept mit der Sicherheit der Dauer zu verwirklichen, wenngleich immer im Fadenkreuz der geistigen Daumenschrauben der DDR. Jahre der Entfaltung eines künstlerischen Naturells, das deutlich norddeutsch grundiert war. Da war einmal sein beinah hanseatisches Arbeitsethos: Zuverlässigkeit, Genauigkeit (er hörte noch in den schon jahrelang gebrauchten Orchesterstimmen die unbemerkt gebliebenen Druckfehler), Fleiß (zu den Proben war er immer bestens vorbereitet) und technische Solidität – gekoppelt mit einem illusionslosen Sinn für das Machbare. Er war, obwohl schlank, hochgewachsen und durchaus eine elegante Erscheinung, keine selbstverliebte Frackprimadonna und auch kein genial tuender Magier des Taktstocks. Er war ein Dirigent der Übersicht, mit präziser Zeichengebung und rhythmischer Souveränität. Dirigieren war ihm nicht Selbstdarstellung, sondern zuverlässiger Dienst am Werk. Mit dieser norddeutschen Zurücknahme der eigenen Person, mit dieser Bescheidung und Bescheidenheit erwies er sich auch als vorzüglicher Begleiter, sowohl für die Solisten im Konzert wie auch in seinen rund 120 Operndirigaten, wo er – wie er selbst sagte – immer mit einem Ohr in der Wanne und mit dem anderen auf der Bühne war.

34 Jahre – das waren auch Jahre einer beharrlichen orchestererzieherischen Arbeit. Eigentlich hat Gerd Puls erst aus dem Städtischen Orchester, das in erster Linie noch ein Theaterorchester war und gelegentlich auch mal die Kurmusik in Warnemünde übernahm, ein echtes sinfonisches Orchester gemacht, das sich zunehmend den großen Aufgaben der Orchesterliteratur stellen konnte, das zum gleichwertigen Partner hochgradiger Solisten und Gastdirigenten wird, dessen Beiträge zum kulturellen Leben der Stadt immer gewichtiger wurden. Als er es 1957 übernommen hatte, verfügte das Orchester schon über 75 Stellen, aber noch unter Pflüger waren es nur 55 gewesen; als er es 1991 verließ, sind es 90 Stellen. Und 1972 wurde es in den A-Status eingestuft, den zweiten Rang der Orchesterbewertung in der DDR, den damals nur ein Dutzend Orchester inne hatte.

34 Jahre – das sind auch 25 Jahre unter dem berühmt-berüchtigten Rostocker Generalintendanten Hanns Anselm Perten, einer faszinierenden widersprüchlichen Künstlerpersönlichkeit, erfindungs- und fantasiereich als Regisseur, aber autokratisch und dogmatisch als Theaterleiter. Unter dem Schutzschirm seines poltischen Einflusses hat Puls manches erreicht, was er woanders wohl so nicht hätte machen können, wie andererseits Pertens rigider Dogmatismus, dem die Musiker des Orchesters immer politisch verdächtig waren, eben auch manches verhindert hat – und für Puls hielt dieses Verhältnis auch manche persönliche Demütigung bereit.

34 Jahre – das sind vor allem und in erster Linie Jahre einer intensiven und fruchtbaren Arbeit an der Ausgestaltung der musikalischen Stadtlandschaft, an der Pflege des Vorhandenen, an seiner deutlichen Kultivierung und auch der Urbachmachung bestimmter Bereiche. Sie vollziehen sich insbesondere im Bereich des sogenannten Konzertwesens. Die Philharmonischen Konzerte werden immer mehr zu künstlerischen Höhepunkten, zuerst nur einmal durchgeführt, dann schon zweimal und schließlich dreimal – so wie heute noch immer.

Dieser stetig wachsende Publikumszuspruch ist ganz offensichtlich der Effekt einer interessanten Programmgestaltung, wobei Puls niemals nur auf den schnellen Erfolg aus war, sondern stets auch die Bildungsfunktion seines Orchester im Auge behielt. Zwar bildete das klassisch-romantische Erbe den Grundstock, aber ebenso intensiv widmete er sich der Neuen Musik, der klassischen Moderne wie der unmittelbar zeitgenössischen Musik, von Bartók und Strawinsky bis zu Luigi Nono und Hans Werner Henze, und natürlich, dafür sorgten schon die verordneten kulturpolitischen Rezepte, die Musik der DDR, die heute nahezu verstummt ist. Und diese Rezepturen waren es auch, die manche weiße Flecken erzwangen. Solche Werke der Moderne bildete mehr als ein Drittel der von Puls aufgeführten Werke – und sie haben damals kaum das Publikum verschreckt, meist wohl wegen ihrer intensiven Erarbeitung und qualitätsvollen Aufführung. Und darunter waren immerhin 26 Uraufführungen und zahlreiche Erstaufführungen, besonders gewichtig die regelmäßigen DDR-Erstaufführungen einiger bedeutsamer Werke von Hans Werner Henze im Zeitraum von 1966 bis in die achtziger Jahre, fast der einzige westdeutsche Avantgardist, der damals in Rostock aufgeführt wurde. Ein besonderer Höhepunkt dabei Henzes Recital „El Cimarròn“, mit dem sogar in Angola und Mozambique gastiert wurde. So hat Puls permanent trotz restriktiver Bedingungen versucht, das musikalische Tor zur Welt für die Rostocker offenzuhalten.

Dazu war gelegentlich auch List und Geduld nötig. Das Beispiel Strawinsky, den Puls besonders liebte und der seinem Naturell besonders entgegenkam. Den ersten Strawinsky hatte Pflüger schon 1947 aufgeführt. Aber eine zweite Aufführung musste bis 1961 warten, dann unter Puls. Was war inzwischen geschehen? Im März 1949 erreichte das Theater ein Telegramm der Landesregierung: „Ab sofort Werke des russischen Komponisten Strawinski verboten. Schriftliche Begründung folgt“. In der hieß es dann, dass sich Strawinsky in das Lager der Kriegshetzer begeben habe und es dem deutschen Volk nicht zugemutet werden kann, die Werke eines Verräters am Frieden weiterhin entgegenzunehmen.

Aber 1961 hatte Strawinsky Moskau besucht und Puls nutzte diesen Umstand sofort, um ihn in die Rostocker Konzertprogramme einzuschleusen. Nahezu im jährlichen Abstand führt er nun die wichtigsten Werke des Komponisten auf. Besonders eindrucksvoll waren dabei die Aufführung der Pulcinella-Suite 1964 und die Rostocker Erstaufführung von „Le Sacre du Printemps“ 1966, ein unvergessliches Konzerterlebnis, auch ein Ausweis des ausgereiften Niveaus des Orchesters und der konstruktiven Gestaltungskraft seines Dirigenten mit diesem hochschwierigen Werk.

Eine andere Liebe von Gerd Puls war, obwohl er sich immer weigerte, sich zu einem Lieblingskomponisten zu bekennen, Anton Bruckner. Die spirituellen Klangdome dieser Sinfonien waren ihm eine permanente Herausforderung, besonders dann, als sein Orchester das angemessene personelle und künstlerische Niveau erreicht hatte. Allein die gewaltige 7. Sinfonie E-Dur, in der das Orchester bis an seine Leistungsgrenzen gehen musste, hat er viermal aufgeführt. Das erste Mal schon 1964, das letzte Mal zu seinem Abschiedskonzert im Juni 1991. Und die dritte Aufführung, erlauben Sie mir diese nebensächliche persönliche Anekdote, war von solcher Klanggewalt, dass meine neben mir sitzende hochschwangere Frau sogleich in die Wehen geriet.

34 Jahre – das sind, wir wollen es nicht unerwähnt lassen, auch Jahre des beständigen ausdifferenzierenden Ausbaus des Konzertwesens durch Gerd Puls, mit der Einführung neuer Konzertformate, beispielsweise der Kammerkonzerte im Barocksaal seit 1978, dreimal in der Saison, von denen aber jedes gleich zweimal aufgeführt wird, aus denen dann später die Sonntagskonzerte im Großen Haus werden; dazu eine Vielzahl von unterschiedlichen Sonder- und Schulkonzerten bis hin zu Lehrlingskonzerten. Darunter gibt es auch die Pikanterie der 1974 eingeführten „Musik in der Universitätskirche“, deren Pikanterie darin lag, dass bis dahin die Mitwirkung staatlicher Musiker in kirchenmusikalischen Veranstaltungen ausdrücklich unerwünscht war; es wurden abenteuerliche Anekdoten erzählt, wie dieses Verbot von einzelnen Musikern umgangen wurde. Nun also sollte plötzlich auf höheres Geheiß das staatliche Orchester in einer Kirche konzertieren. Aber diese Kirche war quasi eine staatliche, denn sie unterstand der Universität. Und dieses Projekt war den oberen Behörden so wichtig, dass sie Gerd Puls anwiesen, trotz Krankheit das Eröffnungskonzert dieser Serie auf jeden Fall durchzuführen. Aber der hat dieses eigentlich als kulturpolitische Okkupation in die Domäne der Kirchenmusik gedachte Projekt gleichsam umfunktioniert. Er machte daraus eine aparte Konzertserie, in der besonders die Werke der vorklassischen Periode, also um die Bachzeit herum, häufig geistlich oder geistlich intendiert, nun auch für ein Publikum erklangen, für das es nicht üblich war, in Kirchenkonzerte zu gehen.

34 Jahre – das waren, auch wenn es unlogisch klingt, auch 40 Jahre DDR. Als Gerd Puls 1949 sein Berufsleben begann, wurde die DDR gegründet, als er sein Abschiedskonzert gab, war sie gerade vor knapp einem Jahr untergegangen. Und wir würden uns nicht richtig erinnern, wenn wir uns auch nicht daran erinnerten. Man hört heute oft, wenn über Ostbiografien geredet wird, den Satz (in Anlehnung an Adorno): Es gibt kein richtiges Leben im falschen, was ja nichts anderes meint, als dass alle, die die das falsche Leben der DDR nicht verlassen haben oder nicht in die deutliche politische Dissidenz gegangen sind, falsch gelebt hätten. Gerd Puls hat die DDR nicht verlassen, obwohl er Gelegenheit dazu gehabt hätte, er war auch kein Dissident (dann wäre er nicht GMD geblieben), er war aber auch kein bloß bewusstloser Mitläufer, ebenso wie er sich hütete seine eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten aufs Spiel zu setzen. Er hat immer wieder versucht, dieses schmerzliche Konfliktfeld auszuhalten und seine Spielräume auszutasten. War sein Leben deshalb ein falsches? Irgendjemand musste doch auch hier bleiben und die Musik hier machen.

Da mag uns vielleicht der Nietzsche-Spruch trösten, den Sie auf der Einladung zum heutigen Gedenkkonzert gefunden haben: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Was wir ja auch umkehren können: Ein Leben mit Musik kann kein grundsätzlicher Irrtum sein. Und für solch eine schwierige Existenz, für ein der Musik geweihtes Leben in gesellschaftlich-politischen schwierigen Zeiten, letztendlich und nimmt man alles nur in allem doch erfolgreich, prägend und Zeichen setzend, die noch für manches heute die Fundamente bilden, dafür mag uns das Leben und Wirken des Musikers Gerd Puls ein Beispiel sein. Ein Bespiel, das wir, da die Stadt kaum eine Straße nach Gerd Puls benennen wird, nur in unserer gemeinschaftlichen respektvollen Erinnerung aufbewahren können und müssen.“