Das Städtische Orchester Rostock 1897-1957 (Teil 1)

Festschrift zum 60jährigen Jubiläum des Städtischen Orchesters Rostock aus dem Jahre 1957  Teil 1  Teil 2  Teil 3  Teil 4

Rosel und Heinz Pantzier

Das Städtische Orchester Rostock
1897-1957

Anläßlich seines 60jährigen Bestehen herausgegeben vom Städtischen Orchester Rostock

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;
bewahrt sie! Sie sinkt mit euch,
mit euch wird die Gesunkene sich heben.

Schiller

Meine sehr geehrten Damen und Herren des Städtischen Orchesters!

Nehmen Sie zu Ihrem Jubiläum meine herzlichsten Glückwünsche entgegen!
Ihr Orchester, das nunmehr 60 Jahre lang das Musikleben der Stadt Rostock be-
stimmt, hat sich im Laufe dieser Zeit zu einem beachtlichen Klangkörper entwickelt
und in Sinfoniekonzerten und Opernaufführungen Außerordentliches geleistet.
Namhafte Dirigenten und Solisten haben mit Ihnen musiziert. Das besondere
Verdienst Ihres Orchesters ist die Pflege zeitgenössischer Werke, von denen viele
hier ihre Ur- oder Erstaufführungen erlebten. Dadurch haben Sie zu dem guten
Ruf des Volkstheaters wesentlich beigetragen. Ich bin überzeugt, daß Sie auch
in Zukunft mit Ihrer Kunst am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft mit-
helfen werden.
So grüße ich Sie an Ihrem Ehrentage und wünsche Ihnen für Ihre Arbeit am
Volkstheater Rostock den besten Erfolg.

Ihr Intendant
Hanns Anselm Perten


Die letzte Rostocker Bürgerkapelle, die Vorgängerin des Städtischen Orchesters, als Kurkapelle in Warnemünde

Das Städtische Orchester Rostock begeht in diesen Tagen die 60. Wiederkehr seiner Gründung. Ein solches Jubiläum gibt immer Veranlassung, den Blick zu wenden und den zurückgelegten Weg zu überschauen. Sechs Jahrzehnte sind eine verhältnismäßig kurze Zeit und doch haben sie die Geschichte des Städtischen Orchesters so außerordentlich erlebnisreich gestaltet.

Ein Bild von den Ereignissen der vergangenen 60 Jahre sollen uns nun Protokollblätter, Programmzettel, Gästebuch, Kritiken, Zeitungsberichte und die Erinnerungen der Orchestermitglieder vermitteln.

Das Orchester entstand im September 1897. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß in Rostock vor dieser Zeit niemals Musik erklungen ist. Die Geschichte des Rostocker Musiklebens reicht sogar sehr weit in die Vergangenheit zurück. Bereits im 13. Jahrhundert werden Turmbläser urkundlich genannt und von dieser Zeit an sind immer Stadtmusikanten und später Bürgerkapellen im Dienste der Stadt tätig gewesen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Verhältnisse des Rostocker Musiklebens folgende:

Um künstlerisch auf der Höhe zu bleiben, und wirtschaftlich eine Besserung zu erreichen, hatte sich die damalige Bürgerkapelle, die neben ihren üblichen Gelegenheitsmusiken auch im Theater und zur Badesaison in Warnemünde spielte, mit den Musikkorps des Rostocker Infanterie-Regimentes vereinigt. Diese Zusammenarbeit scheiterte aber bald an Zwietracht zwischen den beiden Kapellen, die in der weiterhin wirtschaftlich schlechten Lage der bürgerlichen Musiker ihren Grund hatte. Darunter litt die Leistungsfähigkeit des Orchesters beträchtlich. Im Jahr 1895 wurde das neue Stadttheater eröffnet. Schauspiel und Oper entwickelten sich in ihrer künstlerischen Arbeit rasch aufwärts. Nicht so das Orchester, welches außerstande war diesen Bestrebungen zu folgen. Im Frühjahr 1897 wurde diesem Mißverhältnis ein Ende bereitet. Die Zivilmusiker kündigten ihre Verträge und lösten somit die Arbeitsgemeinschaft mit der Militärkapelle auf. Jetzt wurde unverzüglich eine Reorganisation des Orchesters in Angriff genommen. Die Stadt errichtete eine Musikdirektorenstelle mit einem jährlichen Zuschuß. Aus der Vielzahl der Bewerber fiel die Wahl auf den Leipziger Kapellmeister Heinrich Schulz. Dieser hatte laut Vertrag mit der Stadt ein Orchester von mindestens 34 gut geschulten Musikern zu halten. Musikdirektor Schulz begann Anfang September seine Tätigkeit. Er übernahm nach erfolgtem Probespiel 15 Mitglieder der alten Theaterkapelle. Die noch offenen Stellen besetzte er mit auswärtigen Kräften, und während sein Unternehmen dem Rostocker Publikum bestens empfohlen wurde, probierte er fleißig zum Eröffnungskonzert.

Am 22. September 1897 stellte sich das neugegründete Orchester seinen Hörern vor. Im Rostocker Anzeiger vom 23. September 1897 erfahren wir darüber:

„Gestern, Mittwoch, führte unser städtischer Musikdirektor, Herr Heinrich Schulz, seine neue Capelle, unser nunmehriges Stadt- und Theaterorchester, dem Publikum vor mit einem Eröffnungs-Sinfonie-Concert in dem, auch für die bevorstehenden populären Abonnements-Concerte ausersehenen Apollosaal. – –
– – So war das Publikum in berechtigter Spannung bezüglich der Leistungen des Abends. Daß diese Erwartungen nicht getäuscht, vielmehr noch übertroffen werden würden, bewies gleich die erste Darbietung. – –
– – Die Leistungsfähigkeit des Instituts, die Herrschergewalt des Herrn Schulz über seine Truppen, war damit aufs glänzendste erwiesen. – –
– – Der Verlauf dieses ersten Concert-Abends läßt annehmen, daß unser neues Orchester uns noch viel künstlerischen Genuß bereiten wird! Auch die Kammermusik, die so lange bei uns ungepflegt geblieben ist, könnte unter den jetzigen Verhältnissen wieder zu ihrem Recht kommen. – Die ausführenden Kräfte dazu sind ja vorhanden!“

Bald darauf begannen die wöchentlichen populären Abonnementskonzerte nach dem Vorbild des Berliner Kapellmeisters Bilse, aus dessen Aufführungen später die berühmten Philharmonischen Konzerte entstanden.

Der Rostocker Anzeiger schrieb über das erste populäre Konzert:

„Interessant macht er doch alles! – So lautet das Urtheil einer musikverständigen Zuhörerin über die Gesamtleistung unserer neuen Stadtcapelle in ihrem am letzten Sonnabend im „Apollo-Saal“ gegebenen ersten populären Abonnements-Concert. Unter „er“ verstand die Dame natürlich den Leiter des Concerts, Herrn Musikdirector Schulz. Es ist erstaunlich, wieviel ihm schon in dem kurzen Zeitraum von nicht einmal einer Woche mit seiner Künstlerschaar zu erreichen gelungen ist! – –
– – Die Gesamtwirkung litt auch keineswegs, wie von manchen Seiten befürchtet wurde, klanglich durch die für diese Concerte im Apollo-Saal gemachten Einrichtungen. Wir constatieren mit Vergnügen, daß die vorzügliche Akkustik des Saales nicht beeinflußt wird, weder durch die vom Publicum an die Säulen gehängten Garderobenstücke, noch durch die Vorhänge in den seitlichen Säulengängen. Diese Nischen bildenden Vorhänge sind in etwas über Manneshöhe an Querstangen leicht zurückziehbar angebracht, kommen wegen der großen Höhe des ganzen Saales nicht schallhemmend in Betracht und tragen wesentlich zu dem Character warmer Gemüthlichkeit bei, den der Saal für diese Concert-Veranstaltungen annimmt. Das Publicum, sehr zahlreich erschienen, ließ kaum einen Platz an den 50 im Saal aufgestellten Tischen frei und nahm auch die Galerie des Saales in Anspruch. Es herrschte von Anfang an eine animirte Stimmung und volle Empfänglichkeit den musikalischen Leistungen gegenüber. Das Programm zeigte, daß Dirigent und Ausführende, fern von Einseitigkeit, den verschiedenen Stilarten und Componisten – von Händel bis zu Richard Wagner und zum Walzer-Strauß – gerecht werden. – –
– – vor der 3. Abtheilung, derjenigen, in welcher das Rauchen gestattet war, verließ ein Theil des Publicums das Concert und kam somit um den Genuß, außer Rossinis feurig executirter „Tell“-Ouvertüre, zwei in ganz entzückender Weise vom Streichquartett gegebene Stückchen zu hören: „Volkslied“ und „Märchen“ von Komzak. Der zarte, fein nuancirte Vortrag dieser reizenden Sachen riß das Publicum zu so stürmischen Kundgebungen hin , daß ein Sätzchen da capo gespielt wurde. Mit einer brillanten Meyerbeer-Fantasie („Prophet“) schloß das umfangreiche Programm. In angeregtester Stimmung verließ das Publicum den Saal.“

Der neue Klangkörper hatte sich bald eingespielt. Freilich war noch immer viel Probenarbeit nötig, denn neben den Sinfonie- und volkstümlichen Konzerten wurden auch Extrakonzerte durchgeführt: Wagner-Abend, Virtuosenkonzerte mit Solisten aus den eigenen Reihen, Operetten-Abende und andere, je nach Anlaß und Gelegenheit. Auch in Güstrow, Malchin und Neustrelitz wurden Konzerte durchgeführt, und die Oratorienaufführungen und Kirchenkonzerte des Universitätsmusikdirektors Prof. Dr. Thierfelder fanden unter Mitwirkung des Rostocker Orchesters statt.

Die Fortsetzung dieser Abhandlung lesen Sie hier.

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