Schostakowitschs „Leningrader“ im 8. Philharmonischen Konzert – erstmals seit 1985

Im 8. Philharmonischen Konzert der Norddeutschen Philharmonie Rostock unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors Florian Krumpöck wird erstmals seit 1985 wieder Schostakowitschs Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 60 in Rostock zur Aufführung kommen. Ermöglicht mit der finanziellen Unterstützung der Philharmonischen Gesellschaft Rostock, wird das Orchester für dieses epochale Werk durch Studenten der Hochschule für Musik und Theater Rostock verstärkt.
Das Konzert findet am 26. und 28. April 2014 um 19:30 Uhr und am 27. April 2014 um 18:00 Uhr im Großen Haus des Volkstheaters Rostock statt, Karten erhalten Sie wie immer an den bekannten Vorverkaufskassen.

Im Folgenden lesen Sie einen einführenden Text des Solobassisten der Norddeutschen Philharmonie Rostock Frank Thoenes:

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) beschäftigt sich in seiner 7. Symphonie, der „Leningrader“, mit der Tragödie, die seiner Geburtsstadt im 2. Weltkrieg widerfährt.
Nach heutigen Erkenntnissen komponierte Schostakowitsch zumindest einen Teil der Symphonie, die seinen Weltruhm begründete, im belagerten, von deutschen Truppen seit September 1941 eingeschlossenem Leningrad. Im Oktober desselben Jahres wurde Schostakowitsch mit seiner Familie aus Leningrad ausgeflogen. In Kuibyschew konnte er das Werk schließlich fertigstellen, wo es am 5. März 1942 vom dorthin ausgelagerten Orchester des Bolschoi-Theaters unter Leitung von Samuil Samossud uraufgeführt wurde.
Ein Mikrofilm mit den Daten der Symphonie wurde über Persien und Ägypten in den verbündeten Westen ausgeflogen und in England, Nord- und Südamerika von den namhaftesten Dirigenten als “Kriegssymphonie“ präsentiert. Die 7. Symphonie wurde so auch zum Symbol des Widerstandswillens.
Am 22. Juni dirigierte sie Sir Henry Wood in London, und Arturo Toscanini leitete die erste Aufführung der Sinfonie in den Vereinigten Staaten, die am 19. Juli 1942 in New York mit dem NBC Symphony Orchestra stattfand. Schostakowitschs Wunsch nach einer Aufführung in Leningrad ging erst kurze Zeit später in Erfüllung: Ein Sonderflugzeug durchbrach die Luftblockade, um die Orchesterpartitur nach Leningrad zu fliegen. Die Leningrader Erstaufführung fand am 9. August 1942 während der Leningrader Blockade mit dem Radioorchester Leningrad statt und wurde von allen sowjetischen Rundfunksendern übertragen. (Trotz eines plötzlichen Luftalarms in der Stadt blieben die Zuhörer bis zum Ende des Konzertes gebannt im Saal.)
Was die Form der Sinfonie betrifft, so sollte sie ursprünglich nur aus einem Satz bestehen, dann entschloss der Komponist sich zum klassischen Aufbau mit 4 Sätzen. Schostakowitsch beabsichtigte zunächst, jedem Satz einen Titel zu geben: 1. Krieg/Invasion, 2. Erinnerung, 3. Die Weite der Heimat, 4. Sieg. Von diesem Vorhaben nahm er jedoch wieder Abstand. In den Partitureditionen sind diese programmatischen Überschriften ebenfalls nicht übernommen.
Vielleicht wollte der Komponist durch die Reduzierung auf die klassischen Satzbezeichnungen (Allegretto, Moderato, Adagio, Allegro non troppo) auch sein Werk vor einer zu eindeutigen und daher propagandistisch leicht zu missbrauchenden Deutung schützen. Denn Schostakowitsch selbst war zeit seines Lebens den Launen eines willkürlichen und erbarmungslosen Politsystems in der Sowjetunion besonders unter Stalin ausgesetzt.

Die Interpretation der Sinfonie bleibt dann auch bis heute umstritten. Für viele Autoren, die sich mit der Symphonie beschäftigten, repräsentiert zum Beispiel das elfmal wiederholte Trommel-Thema des 1. Satzes die „hässliche Fratze des Faschismus“.
Die „Memoiren“ von Schostakowitsch sprechen jedoch davon, dass Schostakowitsch weder Hitler noch Stalin als Ziel seiner Sinfonie sah. Vielmehr findet sich im ersten Satz ein Motiv, das entweder als „Hitler-“ oder als „Stalin-Motiv“ gedeutet wird. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Variation auf das Gewaltthema aus seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk. Es taucht in einer Form auf, die in der Oper für die staatliche Gewalt in Form der Polizei und als Bedingung für den Mord verwendet wird.
Andere Kritiker verweisen ebenfalls darauf, dass es Schostakowitsch nicht nur um das Aufzeigen eines bloßen politischen Bildes oder einer Groteske gegangen sein kann. Die Ähnlichkeit zum Hauptthema von Tschaikowskys 5. Symphonie bezeugt seinen Patriotismus und sein Traditionsbewusstsein. Er wollte mit diesem befeuernden Thema der kämpferischen Konsequenz seiner Landsleute ein Denkmal setzen, wie es Tschaikowsky mit seiner Ouvertüre 1812 getan hat.
Schostakowitsch selbst erklärte einmal, eine Vorlage zu diesem Werk sei der 79. Psalm, die „Klage wider die Zerstörer Jerusalems“.

Quellen: Wikipedia, Konzertführer Detlef Gojowy, Musikkonzepte, dtv-Atlas zur Musik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.