Beiträge in Kategorie:Spielzeit 2013/2014

Orchestermusiker im Porträt: Bernd Schwarz – Das Horn ist immer mit im Boot

Die Zuhörer kennen die Norddeutsche Philharmonie meist nur von ihren Auftritten auf der Bühne als Team in recht einheitlich schwarz-weißer Mannschaftskleidung. Um es den Konzertbesuchern zu ermöglichen, die Menschen hinter den Instrumenten etwas näher kennenzulernen, stellt die Journalistin Anette Pröber einzelne Kollegen im Ostsee-Anzeiger vor. Der erste auch hier veröffentlichte Artikel ist dem Hornisten Bernd Schwarz gewidmet, als Konzertbesucher kennen Sie ihn nicht nur von seinen Auftritten am Solohorn, sondern haben sicher auch bereits seine Fotos im Philharmonischen Kalender und hier auf unserer Internetseite wahrgenommen.

„Zeit ist kostbar. Bernd Schwarz weiß ein Lied davon zu singen. Der 48-Jährige ist Orchestermusiker, seine Frau Ärztin und beide haben vier Kinder zwischen zwei und acht Jahren. „Wenn ich morgens alle Kinder in Schule und Kita gebracht habe, bleibt auch mal eine Stunde Zeit zum Aufräumen und Durchatmen“, erzählt Schwarz und entschuldigt das Chaos auf dem Schreibtisch. Proben und Termine für und mit dem Orchester lassen wenig Spielraum für Familie und Freizeit. Die Abende seien nahezu regelmäßig ausgebucht, mit Auftritten im Rostocker Volkstheater bei Oper und Musical, bei den Philharmonischen Konzerten und vielen anderen musikalischen Höhepunkten der Norddeutschen Philharmonie.
Auch als bereits erfahrener Musiker – Schwarz hat von 1985 bis 1990 an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin studiert und spielt seit Anfang der 90er Jahre als Hornist in der Norddeutschen Philharmonie – probt er wie jeder professionelle Orchestermusiker täglich. Dann zieht er sich meist in die Garage zurück, um ungestört zu sein. Er steckt den Dämpfer in das Horn, um die Nachbarn nicht zu verärgern, und rückt das Pult mit den Notenblättern zurecht. Die Umgebung wird zur Nebensache. „Solopassagen für das Horn übe ich wieder und wieder. Bei der Vielzahl der klassischen Werke kann man sich nicht auf einmal Einstudiertes verlassen, Perfektion ist wichtig“, sagt Bernd Schwarz. Ein Orchester sei Teamarbeit, bei dem jeder auf den anderen und sein Können angewiesen sei.
Ohne Musik könne er sich sein Leben kaum vorstellen, meint Schwarz. Seit jeher wurde in seiner Familie musiziert. Sein Urgroßvater spielte Geige, sein Vater Gitarre, doch erst er habe das Hobby zum Beruf machen können.
Seine Kinder wachsen heute wie selbstverständlich mit dem Singen und Musizieren auf und machen ihre ersten eigenen Erfahrungen mit Violine und Klavier. Ob sie mal professionell mit Musik umgehen  werden? Schwarz zuckt mit den Schultern und meint: „Wer weiß das schon. Es ist schwer, Kinder zum regelmäßigen Üben zu motivieren.“ Wichtig ist ihm allerdings, die traditionelle klassische Musik der jungen Generation nahezubringen. Als wertvolles Kulturgut, als etwas, das es zu bewahren gilt. „Musik bereichert das Leben, lässt Fantasien und Emotionen Raum“, sagt Schwarz. Jede Familie sollte jährlich einmal in ein Kinderkonzert gehen oder zu Weihnachten in eine Märchenvorstellung.
Damit auch die Jungen zu den alten Medien finden können, denkt Schwarz immer häufiger über die „neuen Medien“ nach. „Wir müssen als Musiker noch flexibler werben, uns stärker im Internet präsentieren“, glaubt er. Die Vermarktung werde angesichts der Informations- und Bilderflut immer wichtiger. Seine kunstvollen Musiker-Fotografien, die den neuen Spielzeit-Kalender der Norddeutschen Philharmonie schmücken, sind auf der Internetseite der Philharmonischen Gesellschaft online: www.norddeutsche-philharmonie.de.“

5. Philharmonisches Konzert – Debüt für gefragten Cellisten Julian Steckel

Julian Steckel vor Premiere mit der Norddeutschen Philharmonie / 31-jähriger HMT-Professor spielt Dvoráks Cellokonzert Sein Debüt bei der Norddeutschen Philharmonie gibt am kommenden Wochenende beim 5. Philharmonischen Konzert der junge Cellist Julian Steckel. Der 31-jährige aus Rheinland-Pfalz stammende Musiker ist als Solist weltweit gefragt, seitdem er im Jahr 2010 den ARD-Musikwettbewerb gewann. 2012 erhielt er den Echo Deutschen Musikpreis Klassik in der Sparte Nachwuchskünstler (Cello). Steckel ist seit 2011 Professor für Violoncello an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und lebt heute in Berlin. Dem Rostocker Publikum wird er sich im Großen Haus mit Antonin Dvoráks Cellokonzert vorstellen. Das Cellokonzert h-moll, Opus 104, gehört zu den bekanntesten Werken von Antonin Dvorák (1841 – 1904) und ist eines der berühmtesten Cellokonzerte überhaupt. Dvorák schrieb es um den Jahreswechsel 1894/1895 in den USA. Johannes Brahms soll, nachdem er die Partitur gelesen hatte, ausgerufen haben: „Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es gewusst, hätte ich schon vor langer Zeit eines geschrieben!“ Der zweite Teil des 5. Philharmonischen Konzertes ist dem Komponisten Jean Sibelius (1865 – 1957) gewidmet, dem bedeutendsten Vertreter der nationalen finnischen Musik. Die Norddeutsche Philharmonie spielt die sinfonische Dichtung „Finlandia“ op. 26, die in ihrer Entstehungszeit im Jahr 1899 eine wahre Welle der Begeisterung auslöste. Sie wurde zur heimlichen Nationalhymne, weil sich die Finnen in dem musikalischen Werk mit ihrem Nationalstolz und ihrem Protest gegen die Russifizierung Finnlands wiederfanden. Die russischen Behörden erließen zeitweise sogar Aufführungsverbote. Bis heute ist das patriotisch-emotionale Stück in Finnland sehr beliebt. Mit der Sinfonie Nr. 5 erklingt anschließend ein Werk von Jean Sibelius, welches im Auftrag der finnischen Regierung entstand und anlässlich des 50. Geburtstages des Komponisten im Dezember 1915 uraufgeführt wurde. Geleitet wird das Konzert vom italienischen Dirigenten Marzio Conti (53). Nach einer internationalen Karriere als Flötist fand der Florentiner zum Dirigieren. Seit 1999 ist er regelmäßig als Dirigent von bedeutenden italienischen und ausländischen Orchestern und Opernhäusern in Europa, Amerika und Asien eingeladen. Conti ist u. a. Chefdirigent des Nationalorchesters von Andorra und Künstlerischer Leiter des Sinfonischen Orchesters von Sanremo. In Rostock tritt er zum ersten Mal auf. (Diesen ankündigenden Text für das 5. Philharmonische Konzert verdanken wir ein weiteres Mal Anette Pröber, die ihn für den Ostsee-Anzeiger schrieb.) Das 5. Philharmonische Konzert findet am 25. und 27. Januar um 19:30 Uhr und am 26. Januar um 18 Uhr im Großen Haus des Rostocker Volkstheaters statt, Karten erhalten Sie noch an den bekannten Vorverkaufskassen und an der Abendkasse. Sie sollten jedoch nicht zu lange zögern, für das Konzert am Sonntag werden die Karten bereits knapp.

Stummfilmkonzert mit „The Circus“ von Charles Chaplin leider restlos ausverkauft

Im diesjährigen Stummfilmkonzert begleitet die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Leitung von Helmut Imig Charlie Chaplin in seinem 1928 entstanden letzten Stummfilm „The Circus“. Das Konzert findet in Zusammenarbeit mit der Europäische Filmphilharmonie statt und wird vom Norddeutschen Rundfunk im Rahmen der NDR-Kulturförderung unterstützt.
Der Tramp wird auf einem Rummelplatz fälschlicherweise verdächtigt, eine Geldbörse entwendet zu haben und daraufhin von der Polizei verfolgt. Nach einigen Stationen seiner Flucht landet er schließlich mitten in einer Zirkusvorstellung und wird unfreiwillig komisch zur Hauptattraktion …
Ursprünglich war 1948 Hanns Eisler mit der Komposition der Musik für diesen Film vorgesehen, aufgrund seiner Vorladung vor das „Unamerican Committee“ fand seine Musik hier aber keine Verwendung. Hanns Eisler war sehr verärgert und veröffentlichte die bereits entstandene Komposition in Form seines Septetts Nr. 2 „Zirkus“. Charles Chaplin schrieb die Musik für seinen Film schließlich selbst.
Leider ist das Stummfilmkonzert am Samstag, dem 18. Januar 2014 um 19:30 Uhr im Großen Haus des Volkstheaters Rostock bereits restlos ausverkauft, mit viel Glück bekommen Sie eventuell an der Abendkasse noch die eine oder andere nicht abgeholte Karte.

Hier ein erster Eindruck von Film und Musik auf Youtube, wenn auch nicht in besonders hoher Qualität:

Pressemitteilung: Sorge um künstlerische Qualität – Norddeutsche Philharmonie braucht einen Generalmusikdirektor

Pressemitteilung der Philharmonischen Gesellschaft Rostock e. V.:
Mit Bestürzung nehmen die Philharmonische Gesellschaft e. V. und viele Rostocker Konzertfreunde zur Kenntnis, dass der Posten des Generalmusikdirektors (GMD) am Volkstheater Rostock vakant ist. Der Vertrag mit Generalmusikdirektor Florian Krumpöck, der im Sommer 2014 ausläuft, wurde nicht verlängert, obwohl sich die Mehrheit des Klangkörpers dafür ausgesprochen hatte. Ein neuer GMD ist nicht benannt, über eine Stellenausschreibung nichts bekannt.
„Der derzeitige Zustand ist einer zukunftssichernden Entwicklung des Orchesters abträglich. Als Freunde der klassischen Musik sehen wir der kommenden Konzertsaison sorgenvoll entgegen“, erklärt Dr. Thomas Diestel, Vorsitzender der Philharmonischen Gesellschaft. Einem erstklassigen Orchester eine erstklassige musikalische Leitung zu versagen, bedeutet weiteren Raubbau an der Kultur in der Hansestadt.
„Die Norddeutsche Philharmonie gehört als A-Orchester zu den renommiertesten Klangkörpern in Deutschland. Unter der Leitung des jungen Wiener Dirigenten und Pianisten Krumpöck wurden in den letzten drei Jahren beachtliche musikalische Erfolge gefeiert. Diese künstlerische Qualität darf nicht aufs Spiel gesetzt werden“, unterstreicht der Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft. Engagements der Philharmoniker in Berlin (2012, 2013) oder Salzburg (geplant Januar 2015) machen die Hansestadt weit über die Region hinaus bekannt. Regelmäßig werde die Norddeutsche Philharmonie bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommerns verpflichtet.
Der Verein mit 150 Mitgliedern fordert im Namen der vielen Rostocker Klassikfans die Leitung der Theater-GmbH und den Aufsichtsrat dazu auf, endlich Beständigkeit und Kontinuität in allen Belangen walten zu lassen, um der Norddeutschen Philharmonie Sicherheit und Ruhe für ihre Arbeit zu ermöglichen. Musikalische Meisterleistungen sind ohne langfristiges und konzeptionelles Herangehen nicht möglich.
Erst in der vergangenen Saison haben fehlende finanzielle Zusagen und Entscheidungen dazu geführt, dass das Konzertprogramm mit Verspätung beschlossen werden konnte und Konzert-Anrechte nur für jeweils eine halbe Saison verkauft wurden. Die Zahl der Anrechtsbesucher sank in den vergangenen drei Spielzeiten um nahezu 30 Prozent. „Die treuesten Konzertfreunde wurden verunsichert. Das ist nicht länger hinzunehmen“, sagt Diestel. Er fügt hinzu, dass der Verein nichts unversucht lassen werde, um einer schleichenden Erosion der musikalischen Ansprüche entgegenzuwirken. „Das Ziel der Verantwortungsträger darf nicht die Profillosigkeit des Orchesters sein“, kritisiert der Chef der Philharmonischen Gesellschaft.

Kommentar von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak zur Nichtverlängerung des Vertrages von GMD Florian Krumpöck

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak, Germanist und Musikkritiker, verfasste aus Anlass der Nichtverlängerung des Vertrages von Generalmusikdirektor Florian Krumpöck folgenden Kommentar, den er uns freundlicherweise zur Veröffentlichung überließ:

„Eine schöne Bescherung. Am Vorweihnachtstag ließ Sewan Latchinian, der designierte Intendant des Volkstheaters Rostock, die Katze aus dem Sack: Der Vertrag für den Generalmusikdirektor der Norddeutschen Philharmonie, den Wiener Dirigenten und Pianisten Florian Krumpöck (35) wird nach dreijähriger Laufzeit nicht verlängert. Gründe nannte er nicht (vgl. den Bericht in der OZ vom 24.12.13).
Künstlerische kann es kaum geben, denn der junge Dirigent ist nach Michael Zilm (1991-1997), Michail Jurowski (1997-1999) und Wolf-Dieter Hauschild (2002-2004) –  nach einer langen Durststrecke – wieder ein inspirierender Generalmusikdirektor von überzeugendem künstlerischem Format, der die Philharmonie fast zu ihrer alten Leistungsfähigkeit, die sie in den neunziger Jahren erreicht hatte, zurückgeführt hat und der dem Rostocker Publikum zahlreiche beeindruckende Konzerte geboten hat. Und so hat auch das Orchester, das traditionell ein Mitspracherecht hat, das aber in Rostock schon zum Äußerungsrecht verkommen ist, auch mit großer Mehrheit für eine Vertragsverlängerung gestimmt. Aber Latchinian verlängert dennoch nicht.
„Wir sind“, so lässt er gleichwohl wissen, „an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Krumpöck interessiert,  aber einen Generalmusikdirektor gibt es erst mal nicht.“ Krumpöck hat einen Vertrag auf dieser Basis, der ihn zum bloßen Taktstockschwinger machen würde, völlig zu Recht abgelehnt, denn er bedeutete die Degradierung seines Künstlertums. Mit dem Dirigenten Krumpöck will der Intendant offenbar zwar weiterhin zusammenarbeiten, aber eben nicht in der Position des GMD.
Möglicherweise will Latchinian mit dieser autokratischen Entscheidung die Position des Generalmusikdirektors am Volkstheater Rostock stilllegen oder gar abschaffen, vermutlich aus Sparsamkeitsgründen, was aber ins Leere laufen würde durch die notwendigen Mehrausgaben für Gastdirigenten. Bei der Frage: Generalmusikdirektor ja oder nein? geht es nicht um den bloßen Titel. Die Position „Generalmusikdirektor“ ist in der deutschen Musik- und Theaterlandschaft eine wichtige künstlerische Leitungsfunktion mit weitreichenden Entscheidungskompetenzen für die konzeptionelle Gestaltung von Konzertwesen und Musiktheater.
So ist es auch nur halbrichtig, wenn die Aufsichtsratsvorsitzende des Volkstheaters Eva-Maria Kröger (Die Linke), die Latchinian-Entscheidung für normal hält, weil neue Intendanten das künstlerische Personal auswechseln. Dies wäre nur in Rostock so, wo durch einen Deal zwischen dem Oberbürgermeister und dem vorherigen Intendanten Steffen Piontek die Position des GMD schon ausgehöhlt und der Personalhoheit des Intendanten unterstellt wurde. In fast jeder deutschen Stadt wird der Generalmusikdirektor des städtischen Sinfonie- und Theaterorchesters nicht vom jeweiligen Intendanten, sondern von der Stadt bestellt, damit die musikalischen Verpflichtungen eines Orchesters unabhängig von den Vorlieben eines Intendanten erfüllt werden.
Deshalb wäre die Abschaffung dieser Position am Volkstheater Rostock ein ziemlich einmaliger Vorgang, nicht nur organisatorischer Art, sondern mit weitreichenden konzeptionellen Konsequenzen, die der in den letzten Jahren schon schleichenden qualitativen Abwertung des Musiktheaters und des Konzertwesens die Spitze aufsetzen würden durch dessen endgültige Marginalisierung. Die Entscheidungen über die Musik, die da künftig am Volkstheater gemacht würde, läge allein in der Willkür eines Intendanten, der erklärtermaßen das Schauspiel favorisiert und keinen Sinn für die bedeutsame kulturelle Funktion von Konzert und Oper hat. Dagegen sollten alle Rostocker Musikfreunde entschieden protestieren, um den Abstieg in die Niederungen eines provinziellen Populismus zu verhindern.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak“